Wortkrieg: “Compliance”

Was ist “Compliance”?

Das Wort “Compliance” beschreibt im unternehmerischen Umfeld (nicht nur da, aber im Wesentlichen ist es mir von dort bekannt) die Einhaltung von Regeln, die von Unternehmensseite aufgestellt wurden. Dies betrifft Sicherheitsrichtlinien innerhalb der IT (Stichwort Datenschutz), aber auch Verhaltensmaßregeln im Umgang mit Kolleginnen und Kollegen. Weitere Bereiche klammere ich an dieser Stelle bewusst aus, obgleich für diese selbiges gilt.

Ich beziehe mich in diesem Artikel ausschließlich auf Verhaltensmaßregeln. Richtlinien, Gebote, wie auch immer man sie nennen mag, unterliegen natürlich je nach Organisation der Willkür der Definierenden, den einzig festen Rahmen bietet hier das geltende Recht. Dennoch steht es Unternehmen frei, Verhaltensmaßregeln bewusst streng zu definieren, ohne dass sie gegen Rechte der Mitarbeiter verstoßen. Gerade in größeren Unternehmen wurden in den vergangen Jahren spezielle “Compliance Officer” ernannt, die sich Tag ein Tag aus mit “Compliance Management” befassen. Regeln definieren, überwachen und entsprechende Verstöße ahnden.

Kurzum, “Compliance” ist so etwas wie die Polizei im Unternehmen.

Die Bedeutung für Unternehmen

Aus Unternehmersicht ist die Schaffung von Regeln und deren Einhaltung ein wichtiges Anliegen, will man als Unternehmer ein angemessenes Betriebsklima und Umgangsformen sicherstellen. Bringt man dann noch seine Mitarbeiter dazu, diese Regeln auch zu leben, ist unternehmerisch soweit alles im Lot. Straftaten werden ohnehin der Strafverfolgung übergeben, Compliance-Verstöße dürfen dann gerne auch mal mit Abmahnungen oder schlimmerem geahndet werden. Ein etabliertes Compliance-Management bedeutet für Unternehmen also die mehr oder minder gesicherte Kontrolle über das Verhalten der Mitarbeiter. Wer nicht ins Raster passt, fliegt raus oder geht von selbst. Optimaler geht es kaum, filtert man sich als Unternehmer so mit der Zeit seinen gewünschten Personalstamm zusammen.
Doch auch die Arbeitnehmerseite trägt den einen oder anderen Vorteil davon. So hat ein Arbeitnehmer eine zentrale Anlaufstelle für Beschwerden, den Compliance Officer. Er zeichnet für alle Folgeaktivitäten verantwortlich, setzt möglicherweise Schlichter ein und soll für die Lösung dieser Probleme sorgen.

Mein Gefühl mit der “Compliance”

Doch genau hier beißt sich für mich die Katze in den Schwanz. Zu sehr vermittelt diese Compliance Management den Eindruck einer Petz-Infrastruktur. Mit wenig Aufwand lassen sich Kollegen anschwärzen und kleinste Vergehen beanstanden – auch grundlos lassen sich so anständige Mitarbeiter in Schwierigkeiten bringen. Ich kann mich des Vergleichs mit dem, was mir über die Stasi zu Ohren kam, nicht verwehren. Zumindest hat es das Potential, Misstrauen und Missgunst unter den Mitarbeitern zu sähen.
Dies ist jedoch nur die eine Seite der Medaille.
Lässt man sich “compliant” ins deutsche übersetzen, liest man da folgendes:

  • folgsam
  • fügsam
  • gefällig
  • konform
  • willig
  • nachgiebig
  • willfährig

Allesamt Begriffe, bei denen mir augenblicklich speiübel wird. Für mich hört sich das nach einem hirnlosen Mitarbeiter an, der brav ja und amen sagt, jeder Regel genüge tut und keinesfalls das Etablierte in Frage stellt. Ein Menschenbild, das mit in meinem Innersten widerstrebt und den Menschen, auf den es angewendet wird, zur arbeitenden Maschine degradiert.
Als vor wenigen Jahren ein Compliance Officer in unserem Hause ernannt wurde, trat mir unmittelbar der Stasi-Petz-Gedanke ins Bewusstsein und ich rechnete mit dem schlimmsten. Offenbar ist eben dieses ausgeblieben, arbeiten doch jede Menge Menschen mit gesundem Menschenverstand und unserem Unternehmen.
Nachdem ich mir den Begriff “Compliance” nun in seiner ursprünglichen Bedeutung näher angeschaut habe, beginne ich erneut an diesem Konzept, und vor allem am Namen selbst, zu zweifeln.Wer auch immer diesen Begriff geprägt haben mag, hielt von seinen Mitarbeitern offenbar nicht viel und verfolgte eine strenge Linie der Mitarbeiterführung. Zudem stelle ich mir die Frage, welchen konkreten Sinn Verhaltensregeln haben sollen, wenn doch ohnehin ein professionelles Miteinander selbstverständlich ist. Allein ein “normaler” Umgang mit seinen Kollegen sollte derartige Maßregelungen der Mitarbeiten überflüssig machen.
In mir sorgen derartige Maßnahmen eher für Widerwillen, Demotivation, Misstrauen und Unverständnis. Ich für meinen Teil will jedenfalls nicht folgsam, fügsam, konform und nachgiebig sein. Und schon gar nicht willig. Selbstständiges und vor allem systemkritisches Denken lasse ich mir nicht verbieten!

Fazit

Machtinstrument oder notwendiges unternehmerisches Werkzeug? Jeder mag in “Compliance” etwas anderes sehen. In vielen Bereichen, beispielsweise meiner Heimat, der IT, machen Regeln ohne Frage Sinn. Passwörter sind nicht weiterzugeben zum Beispiel. Dem Unternehmen jedoch eine gemaßregelte Verhaltensweise aufzuzwingen zu wollen, halte ich für menschenunwürdig und -verachtend. “Compliance” missachtet in diesem Fall das Individuum und fördert eine homogene Masse, williger und widerstandsfreier Arbeiter.

Angst als Mittel zum Zweck, Angst vor dem Verlust des Jobs beispielsweise, ist dieser Tage ein nur zu gutes Druckmittel, um bockige und allzu selbstständig denkende Angestellte in die Schranken zu weisen. Doch was sich bereits in aktuellen politischen Fragen wie Stuttgart 21 oder Castor-Transporten zeigt, lassen sich Menschen nicht auf Dauer bevormunden und so halte ich Compliance für eine Totgeburt, die sich über die Jahre selber abschaffen wird, wenn sie nicht mit gesundem Menschenverstand angewendet wird. Unglücklicherweise sind Unternehmen diktatorischen Strukturen unterworfen (an dieser Stelle ein kurzer Seitenblick auf meine Artikelreihe “Demokratische Unternehmen”) und bieten keine basisdemokratische Legitimation von Entscheidungen der Unternehmensführung. Und da Wahlen des Vorstandes auch mitunter selten mit niemals stattfinden, hat der gemeine Arbeitnehmer nur wenige Mittel, gegen diese Eingriffe des Arbeitgebers zu opponieren.

Hier zieht wie so häufig nur der weise Ratschlag:

Love it, change it or leave it!

One Response to Wortkrieg: “Compliance”

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